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6.6.2009, Berlin
Sesamleinwand und eine Peepshow kamerunischer Kunst

Der kamerunische Künstler Goddy Leye interpretiert Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und spiegelt den eurozentristischen Blick

Zwei neue Installationen präsentiert Goddy Leye in der Galerie Peter Hermann in Berlin: „The Beautiful Beast“ und „Papa Forest“. Der 43jährige kamerunische Multimediakünstler ist in Deutschland seit 1997 regelmäßig in großen Ausstellungen vertreten und gilt spätestens seit „Afrika Remix“ in Düsseldorf 2004 als feste Größe. In der westafrikanischen Metropole Douala hat er die Artbakery gegründet, eine Art Forum für Künstler und Kuratoren. Regelmäßig leitet er Workshops in aller Welt, den nächsten im Juni bei Atta Kwami im ghanaischen Kumasi. Mit „The Beautiful Beast“ nimmt Leye das erste Mal direkt Bezug auf einen Meilenstein deutscher Filmgeschichte. Die Videoarbeit ist der Versuch, Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zu interpretieren. Ein mit Sesamkörnern gefüllter Holzrahmen auf dem Boden des Raums dient als Leinwand. An der Decke hängt ein Beamer, der die bewegten Bilder in Endlosschleife auf die unregelmäßige Oberfläche der Sesamleinwand projiziert. Einziger Protagonist ist der Künstler selbst. Nackt und verletzlich streckt er sich aus dem Dunkel herauf einer hellen, für den Betrachter nicht sichtbaren Lichtquelle entgegen. Da das Video zu Füßen der Galeriebesucher abläuft, hat es den Anschein, Leye recke sich ihnen wie aus einem Verließ entgegen. Seine Beine sind vom Schatten gänzlich verschluckt, die Augen zusammengekniffen, die Stirn in Falten gezogen. Langsam hebt er die Arme, sodass seine Handinnenflächen den größtmöglichen hellen Kontrast zum schwarzen Drumherum bilden. Zu hören ist kein Ton, bis ein einziges, tierisches Brüllen wie das eines Löwen die Stille bricht. Die Hoffnung in den Augen des im Holzrahmen gefangenen Mannes verschwindet. Der schlanke Körper wendet sich wie in Zeitlupe ab und sinkt zurück ins Dunkel. Irgendwann ist nur noch der Rumpf mit der geschwungenen Linie der Wirbelsäule des Künstlers auf der Sesamleinwand auszumachen.

Erst wenn der knapp fünfminütige Film vorbei ist, setzt eine Stimmencollage ein, die das Werk erklärt: „Der Staat hat dafür zu sorgen, dass dieser Mensch unschädlich gemacht wird!“ dringt erst eine schneidige Männerstimme aus dem Lautsprecher. Dann eine hysterische Frauenstimme: „Das ist gar kein Mensch!“ Es handelt sich um Versatzstücke eines Klassikers der deutschen Filmgeschichte. „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist Fritz Langs erster Tonfilm und 1931, zwei Jahre nach „Metropolis“, erschienen. Die Rufe stammen aus der Schlüsselszene des Films, in der die versammelten Ganoven dem gesuchten Kindermörder, den sie gefasst haben, einen makabren Prozess machen.

Weil den Gaunern die ständigen Razzien der Polizei, die besagten Kindermörder suchen, die Geschäfte vermiesten, hatten sie kurzerhand beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und haben den Gesuchten mit Hilfe der Bettler und eines Blinden tatsächlich gefasst. In einer düsteren Unterwelt treten die Verbrecher plötzlich selbst als gnadenlose Richter auf. Von den Ganoven in die Ecke gedrängt und verängstigt fordert der Triebtäter irgendwann die Auslieferung an die Polizei. Im Film verhindert der Kriminalkommissar in letzter Minute den Lynchmord der Ganovenschaft. Ein staatliches Gericht verurteilt den Mann später trotzdem zum Tod. Mit Verve stellte der Schauspieler Peter Lorre den verletzlichen, innerlich zerrissenen und von sich selbst entfremdeten Mann dar. Auch ein Biest wie der Kindermörder ist schön, verrät uns der Titel von Goddy Leyes Arbeit. Der Künstler war überrascht, mit was für einem psychologischen Hintergrundwissen 1931 der Triebtäter beschrieben wurde.

Die Warnung vor Entgleisung der ethischen Standards gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist universell gültig, klar. Trotzdem fragt man sich, warum ein kamerunischer Künstler, der in Douala lebt und arbeitet, einen deutschen Schwarz-Weiß-Film-Klassiker in sein Werk integriert. Ganze Arbeit leistete das Goethe-Institut in Yaoundé. In den 1990er Jahren verschlang Leye dort alles, was er von deutschen Filmgrößen wie Rainer Werner Fassbinder oder eben Fritz Lang kriegen konnte. „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ lieh er sich als VHS und hat den Film „mindestens zwanzigmal“ gesehen. Vielleicht sind es Peter Lorres große, verzweifelte Augen und sein ehrliches Geständnis, die Leye dazu brachten, sich immer mehr mit der von der Meute gejagten, tragischen Figur des Mörders zu identifizieren. „Die schlimmsten Verbrecher haben plötzlich die Macht, den anderen zu richten. Es fasziniert mich, zu zeigen, zu was die Menschen in Extremsituationen fähig sind“ erklärt Leye seine Arbeit. Das Löwenbrüllen, das dem Protagonisten mit seiner Gnadenlosigkeit die letzte Hoffnung raubt, steht also für das Animalische im Menschen, das von Ethik und Moral nur bedingt viel hält, wenn der eigene Kopf gerettet werden muss.

Eine mediumreflexive Komponente bekommt „The Beautiful Beast“ durch die Körner des Sesamteppichs – eine Anspielung auf die Pixel, die hier sowohl die Leinwand selbst sind als auch auf der Leinwand als Video zu sehen sind. Außerdem sind sie „gesund, reichhaltig und repräsentieren Schönheit“ meint Leye.

Eine plakativere Aussage trifft die Arbeit „Papa Forest“, die im Erdgeschoss der Galerie für afrikanische Kunst ausgestellt ist. Theorien der Identitätskonstruktionen und der Bedeutung des Schwarzen Anderen, der für Exotik und vermeintliche Unverdorbenheit herhalten muss, verdichtet Leye in einem fünfzig Zentimeter großen Würfel, der auf einer Stele aus Pressspan steht. Hineinsehen muss man durch ein kreisrundes Loch - wie in einer Peepshow. Dann der erste Schock: zuerst sieht man auf der gegenüberliegenden, mit Spiegelfolie beklebten Wand sein eigenes Auge. Dann wird man gewahr, dass der Blick geradewegs an einer hölzernen Skulptur vorbeigeschossen ist. Es handelt sich um die Kopie einer kamerunischen Fruchtbarkeitsfigur, die Weiße Stereotype der afrikanischen Vergangenheit in sich vereint: dicker Hintern, große Brüste, bekleidet mit wenig mehr als einem Lendenschurz, der Hals lang und mit Reifen geschmückt, stolz erhobener Kopf und in den Händen je eine Kalebasse. Beleuchtet wird das Innere des Würfels von einem unten angebrachten Bildschirm, der ein in der Nähe von Oberhausen aufgenommenes Video abspielt. Mit der deutschen Landschaft wird der Bezug zum mehrheitlich ebenfalls deutschen Betrachter noch einmal unterstrichen. Man hätte die direkte Anrede allerdings auch so verstanden.

Wer sich auf den Blick ins Ungewisse eingelassen hat, sieht sich mit seinen eigenen Vorurteilen und Ressentiments konfrontiert. Primitivismus und Exotismus haben in Europa eine lange Tradition. Sie beflügelten die Kunst des 20. Jahrhunderts, halten sich aber auch heute noch teilweise erschreckend hartnäckig am Leben. Weißsein ist die Norm, jede andere Hautfarbe fällt auf. Der Spiegel im Würfel blockt den eurozentristischen Blick und wirft ihn mit Lichtgeschwindigkeit zurück. Die Skulptur bewahrt sich bei aller um sie herum stattfindenden Aktion ihre stille Größe. Strategien, dem Blick des anderen zu begegnen, hat man in etlichen Arbeiten zeitgenössischer Kunst von Afrikanern, die auf dem afrikanischen Kontinent leben, denen, die im „Westen“ leben und/oder einen afrikanischen Hintergrund haben, häufig gesehen. Aber selten hat jemand das Sujet so unumwunden auf den Punkt gebracht wie Goddy Leye. Mit der Installation „Papa Forest“ hat er seine eigene Antwort auf die Frage, wie Weiße Kunstwerke Schwarzer rezipieren, formuliert. (Sie sehen zuerst sich selbst.) „The Beautiful Beast“ geht aber einen Schritt weiter. Über die Frage der Herkunft hinaus schafft es Leye dort, Triebe, Verbrechen, Hoffnung und Brutalität als im Menschen verankerte Wesenszüge zu beschreiben – hautfarbenunabhängig.

Marlene Giese
Marlene Giese ist Afrika- und Kunstwissenschaftlerin und arbeite seit 2008 als Journalistin in Berlin u.a. für die taz.
Die Ausstellung ist noch zu sehen bis 20. Juni 2009 in der Galerie Peter Hermann, Brunnenstraße 154, 10115 Berlin

mehr Info zu dieser Ausstellung:
Galerie Herrmann
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The Beautiful Beast, Videoinstallation

Goddy Leye vor seiner Arbeit, Berlin im Mai 2009; Foto: Dorina Hecht


 

 

     
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