Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen

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Erfolgsstrategien - die zur Beendigung der weiblichen Beschneidung - in Togo und in Benin - geführt haben!
Immer wieder gibt es eine Frage: Wie kann der vielleicht Jahrtausende alte Brauch der weiblichen Beschneidung wirklich abgeschafft werden?
Und gleich danach: Wie kann gewährleistet werden, dass es nicht doch wieder gemacht wird?
Um es vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es nicht das Erfolgsrezept. Die erprobten Strategien müssen immer gemeinsam mit den Partnerorganisationen vor Ort an die jeweiligen lokalen Gegebenheiten angepasst werden. Doch durch die jetzt über 15jährigen Arbeit von (I)NTACT gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Elementen und konkreten Maßnahmen, um weibliche Beschneidung in afrikanischen Gesellschaften tatsächlich beenden zu können. In einem gewissen Rahmen sind diese übertragbar.
Um weibliche Beschneidung tatsächlich zu überwinden sollten nach Möglichkeit viele der folgenden Punkte beachtet werden:
die richtigen Partner vor Ort
Die eigentliche Arbeit wird von NGOs und Einzelpersonen vor Ort geleistet. AufklärerInnen (animatrices) stammen oft aus der Nachbargemeinde und sprechen die gleiche Sprache. Oft sind sie der Bevölkerung schon vor der Kampagne bekannt und genießen Vertrauen. Anderenfalls werden sie geschult und müssen als erstes das Vertrauen wichtiger Persönlichkeiten in ihrem Tätigkeitsbezirk gewinnen, z.B. indem sie alten Frauen bei häuslichen Aufgaben helfen.
In Togo hat sich herausgestellt, dass alle in der Aufklärungsarbeit tätigen, einen beschneidungsspezifischen Hintergrund haben. Entweder sind sie selbst betroffen oder haben Frauen, Kinder, Schwestern, Mütter, die betroffen sind. So ist die Tatsache zu einer Voraussetzung für die Eignung neuer Bewerber geworden.
NGOs, die (I)NTACT-Zuschüsse erhalten wollen, müssen diese beantragen und über die verwendeten Mittel genau Rechenschaft abgeben. In Auswahlverfahren wird geprüft, ob die NGO sich eignet.
Wichtigste AktivistInnen im Kampf gegen Beschneidung sind u.a. Toussaint N’Djonoufa und Fatima Gnon.
Toussaint N'Djonoufa ist Projektleiter für alle (I)NTACT-Projekte in Afrika. Er ist der Architekt der Kampagnen. 1952 wurde er in Benin geboren. Er ist Agraringenieur und hat in Leipzig und Kassel studiert.
Als überzeugter Christ ist weibliche Beschneidung für ihn nicht hinnehmbar:
„Was Gott geschaffen hat, darf der Mensch nicht zerstören.“
Seit 1998 koordiniert er die Projekte vor Ort und entwickelte die meisten der Strategien, die hier beschrieben sind und die bereits in Benin und in Togo zum Erfolg führten. Seine Haltung bekundete er aber auch in diesem Leitspruch: „Ziel ist nicht der Tod des Fischers, sondern seine Einsicht.“
Fatima Gnon entwickelte Toussaint's Strategien für Togo weiter und koordiniert die Arbeit der Partner-NGOs in ihrem Heimatland. Sie selbst wurde mit 6 Jahren beschnitten und konnte keins ihrer Kinder auf normalem Weg zur Welt bringen. Nach dem Erfolg von 2012 geht ihr Kampf weiter - mit Nachhaltigkeits- und Fistelprojekten, denn unzählige Frauen leiden unter den Folgen ihrer Beschneidung und sehr viele von ihnen an Fisteln.
Togo. Toussaint N'Djonoufa. Blatt 44 Togo. Fatima Gnon. Blatt 45
die Einbeziehung lokale Autoritäten
Hierzu zählen Chefs, Könige, Traditionshüter, Fetischpriester, traditionelle und religiöse Führer (Imame) sowie die Verantwortlichen der lokalen Verwaltung (Präfekten, Sous-Präfekten, Bürgermeister). Ohne ihre Unterstützung oder mindestens ihrer Einwilligung ist Basisaufklärung unmöglich. Nicht selten kommt Meinungsführern eine Schlüsselrolle zu. So sind es bei den Waama in Nordbenin die Fetischpriester, die die Beschneidung im Rahmen von großen Initiationsfesten anordnen. Der Durchbruch bei dieser als sehr traditionsbewusst geltenden Ethnie kam, als die Priester und insbesondere der Chef-Fetischeur Yarikaté in langen und wiederkehrenden Gesprächen überzeugt werden konnten, die Beschneidung der Mädchen im Rahmen der Initiation durch ein alternatives Ritual zu ersetzen.
Togo. Traditionshueter. Blatt 42 Togo. Traditionshueter. Blatt 42 Togo. Traditionshueter. Blatt 42 Togo. Traditionshueter. Blatt 42
die Arbeit mit Beschneiderinnen
Zunächst ist es gar nicht so einfach sie zu finden, denn sie sagen es nicht jedem, dass sie es tun. Wenn die Animatricen ins Dorf kommen heißt es oft: "Hier gibt es keine Beschneidung". Doch letztlich wurden in Benin 216 und in Togo 308 Beschneiderinnen ausfindig und öffentlich gemacht. Durch spezielle Beschneiderinnen-Seminare, manchmal auch durch immer wiederkehrende Diskussionen mit einzelnen sehr wichtigen Beschneiderinnen, werden sie zur Aufgabe bewogen. Öffentlich schwören sie dann, nie mehr Mädchen zu beschneiden.
Als erfolgreich hat sich vor allem die Einbindung von ehemaligen Beschneiderinnen in die Aufklärungsarbeit selbst erwiesen. Einige engagieren sich seitdem als Co-Animatrices bei der Basisaufklärung - auch länderübergreifend. "Eine 'umgedrehte' Beschneiderin ist der Tod der Bescheidung", sagt Toussaint N'Djonoufa und meint damit das allerbeste Mittel der Aufklärungsarbeit.
Bereits in Benin erhielten aufgabewillige Beschneiderinnen Mikrokredite, um sich andere Einkommensquellen zu erschließen (Gemüseanbau, Hühnerzucht, Palmöl- oder Seifenproduktion, Bewirtung, Herstellung diverser Textilien, Vermarktung). In Togo wurde diese Strategie verfeinert. Nicht die willigen Beschneiderinnen erhielten jetzt Kredite, sondern die, die den Brauch beendet und sich einer Frauengruppe angeschlossen hatten. Fatima Gnon nennt sie Solidaritätskomitees. Durch die Gemeinschaft wird einerseits die Rückzahlungsrate der Kredite wesentlich verbessert, andererseits wird durch den regelmäßigen Kontakt das Monitoring mit den Beschneiderinnen gewährleistet, das Rückfälle unmöglich macht.
Beispiel: Blatt 17 Beispiel: Blatt 17
die direkte Beteiligung der Bevölkerung
Kernelement der Aufklärungsstrategie ist natürlich die Arbeit an der Basis. Sie erfolgt nicht in der großen Stadt und schon gar nicht in der Hauptstadt, wo die Beschneidungsrate schon immer sehr gering war, sondern auf dem Land. Idealerweise wird jede einzelne Großfamilie, jedes Gehöft von AufklärerInnen (animatrices) besucht - „porteà porte“-Strategie nennt es Toussaint N'Djonoufa. Ergänzt wird die individuelle Aufklärung durch Dorfversammlungen (Massensensibilisierungen), bei denen unterschiedliche Medien (Bildtafeln, Videovorführungen, Theater, Radio ...) eingesetzt und in großer Runde diskutiert werden. Damit wird sichergestellt, dass jede/r im Dorf die Möglichkeit hat sich zu informieren und mit zu diskutieren. Damit wird jede Meinung gehört, bekannt und kann, wenn notwendig, beeinflusst werden.
flächendeckende Aufklärung
Durch familiäre Bindungen zwischen Dörfern einer Region - lokaler Heiratsmarkt - ist es für einzelne Familien oder ein einzelnes Dorf zunächst ein recht hohes Risiko, auf die Beschneidung der Mädchen zu verzichten. Eine Vielzahl von Projekten anderer Organisationen ist daran gescheitert, wie z.B. in der Casamas im Senegal. Wichtig ist daher, in allen Dörfern einer Gegend zu arbeiten, denn nur wenn möglichst alle Dorfgemeinschaften die Beschneidung abschaffen, können Familien davon ausgehen, dass die auch die zukünftige Familie eine unbeschnittene Schwiegertochter akzeptiert.
Nachhaltigkeit
Die Sicherung der Aufklärungsergebnisse erfolgt vor allem über Dorfkomitees. Die
Mitglieder werden während der Aufklärungsphase von der Bevölkerung gewählt und sind später die Mittler zwischen Bevölkerung und AufklärerInnen bzw. den Verantwortlichen der jeweiligen Partnerorganisation. Wesentliche Aufgabe der Komitees ist die Begleitung und Beobachtung der Familien mit Mädchen im bescheidungsfähigen Alter, um eventuell drohende Beschneidungen zu verhindern.
In Togo sind aus den früheren Dorfkomitees Frauen-Solidaritätskomitees geworden.
längerfristiges Engagement
Aufklärungsprojekte sollten für etwa drei Jahre angelegt sein. In der ersten Phase liegt der Schwerpunkt auf der Basisaufklärung und der Lokalisierung und Aufklärung der Beschneiderinnen. In der zweiten Phase auf der Arbeit mit den Komitees und der Betreuung der Kreditaktivitäten. In der dritten Phase werden die Projektmitarbeiterinnen nur noch punktuell aktiv. Die Aktivitäten vor Ort gehen weitgehend von den gegründeten Dorf- oder Solidaritäts-Komitees aus.
gesetzliche Regelungen
Für diejenigen, die trotz umfassender Aufklärungsarbeit an der Beschneidung
festhalten, sollten strafrechtliche Maßnahmen Anwendung finden. Dazu ist es
notwendig, Gesetze nicht nur zu verabschieden, sondern auch für deren Umsetzung zu sorgen. Nur in wenigen der 16 afrikanischen Länder, in denen weibliche Beschneidung bereits verboten ist, gibt es den dazu nötigen politischen Willen. Um zur Umsetzung des seit Anfang 2003 in Benin und seit 1998 in Togo bestehenden Gesetzes beizutragen, fördert (I)NTACT auch Fortbildungen von Polizei und Justiz.
[ein Fest als Abschluss] ein nationales Fest zum Einsetzen einer neuen Norm
Es gibt wirklich gute Gründe, dieses Fest zu begehen:
- das Bekenntnisse von Beschneiderinnen, von Betroffenen und der Regierung
- die Verbreitung in der Öffentlichkeit sogar durch Presse, Rundfunk und TV
- die Markierung des Endes einer alten, überholten Tradition
- die Einführung einer neue gesellschaftliche Norm - der Unversehrtheit der Frau
- das Ausdrücken der Freude darüber
Togo. Ein Fest. Warum? Blatt 46
Noch ein Hinweis zum Thema Fest:
Traditionen sind in Schwarzafrika ungeschriebene Gesetze aus der Zeit, als noch nicht geschrieben wurde. Setzt eine neue Regelung eine alte, ungeschriebene, außer Kraft, so wird das in einer feierlichen öffentlichen Zeremonie verkündet. Insofern spielt für die Aufgabe der weiblichen Beschneidung und die Inkraftsetzung der neuen Norm - die körperliche Unversehrtheit der Frau - das Fest dieselbe Rolle wie bei uns die Veröffentlichung einer gesetzlichen Regelung im Amtsblatt. Da hier die wichtigsten gesellschaftlichen Verantwortlichen für die Tradition (Traditions-Hüter und Beschneiderinnen) das Ende ausrufen, ist dieses Ritual stärker als es die Verkündung des geschriebenen Gesetzes zum Verbot von weiblichen Beschneidung 1998 gewesen ist, das so gut wie keine Wirkung gehabt hat. Das ist eine wichtige afrikanologische Erkenntnis, die (I)NTACT gelungen ist und die den Erfolg mit erklärt.
die Beachtung regionaler Besonderheiten
Die Peul (auch: Fulbe, Fula, Fulani) sind ein eindrückliches Beispiel für regionale Besonderheiten. Sie sind ursprünglich Nomaden und als Hirten die eigentlichen Milch- und Fleischproduzenten im Land. Aufgrund ihrer Herkunft werden sie oft diskriminiert. Da sie kein eigenes Land besitzen, geraten sie mit der ansässigen Bevölkerung leicht in Konflikt. Sie können aber auch kein Land erwerben, denn bis heute erhalten sie keine Geburtsurkunde, die Voraussetzung für Landerwerb ist. Seit Generationen versuchen sie daher mit ihren Nachbar einfach gut auszukommen und nehmen daher die Gewohnheiten dieser an, wenn sie sesshaft werden - auch hinsichtlich der Beschneidung von Mädchen.
Jetzt haben die Peul aus der Region Tchamba erkannt, dass es gar nicht ihr Brauch ist Mädchen zu beschneiden und dass sie diesen Brauch ablegen können. Wie glücklich sie darüber sind zeigten sie 2012 beim Fest zum Ende der Beschneidung in Sokodé, für das sie 6 Rinder schlachteten und weitere 15.000 € sponserten. Das neue Recht und die neue Norm - die Unversehrtheit der Frau - ist es ihnen wert !
Togo. die Pheul. Blatt 43
   
   
Für die Fotoausstellung "Adieu l'Excision!" wurde 2008 eine Fahne produziert, die den Stand der damaligen Strategien festhielt. Die Fotoausstellung ist nach dem Erfolg in Togo 2012 neu konzipiert. Sie finden mehr dazu auf der Seite Ausstellung.
Benin. Aufklärungsstrategien, die zum Erfolg führten